Liebe Gemeinde, die Losung für dieses Jahr 2016 lautet:

"Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."
Dieser Satz steht so beim Propheten Jesaja im 66. Kapitel im 13. Vers. Wenn wir am Anfang dieses Jahres so ein Wort hören, dann können wir uns gut vorstellen, dass wir auch in diesem Jahr wieder Trost brauchen, entweder als die, die trösten oder als die, die getröstet werden. Und beides gehört ja zusammen. Nur der, der für sich selber Trost erfährt, kann diesen auch weiter geben. Diese Worte des Propheten berühren uns also, rufen Erinnerungen wach und wecken Erwartungen.

Ja, wir brauchen Trost, um das zu bestehen, was in diesem Jahr auf uns wartet und was noch hinter dem Schleier der Zukunft verborgen liegt. Aber welchen Trost dürfen wir erwarten? Gott spricht: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Wie tröstet denn eine Mutter? Eine Mutter hat immer alle ihre Lieben im Blick. Ein Vater hat vielleicht seinen Lieblingssohn, seine Lieblingstochter, eine Mutter hat vielleicht auch "ihren Liebling", aber sie wird es sich nicht anmerken lassen und sie wird immer darauf achten, dass keiner zu kurz kommt. Das ist typisch mütterlich. Deswegen spricht der Prophet hier so: "Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Dabei verstehen wir Trost ja oft als etwas rein Geistiges, das sind gute und einfühlsame Worte, jemand, der sich für uns Zeit nimmt, jemand, der versucht, sich in die Lage eines anderen zu versetzen und mit ihm einen Schimmer der Hoffnung zu entdecken. Alles das gehört dazu, aber trösten ist noch viel mehr. Die Menschen, zu denen das hier gesagt wird, sind nah am Verzweifeln. "Zitternd" suchen sie nach einem Wort des Herrn. Sie sind aus der Fremde nach Jerusalem heimgekehrt. Dort, woher sie kommen, ging es ihnen nicht schlecht, aber es war nicht das zu Hause. Sie fühlten sich fern von Gott. Sie wollten wieder in Jerusalem sein, in der Stadt Gottes, nah dem Tempel. Sie waren voller Hoffnung, dass Gott mit ihnen wieder einen neuen Anfang macht und an die alten herrlichen Zeiten anknüpft. Und nun sind sie schon einige Zeit wieder zu Hause, leben in Jerusalem, aber ihre Erwartungen erfüllen sich nicht. Die Stadt bleibt weitgehend verödet und sie werden auch noch von ihren eigenen Leuten wegen ihrer Leichtgläubigkeit verspottet.

"Hier bei euch da tut sich nichts mehr. Euer Traum hat keine Zukunft! Jerusalem wird nicht mehr blühen und aus dem Schutt und der Asche auferstehen." Vor diesem Hintergrund spricht der Prophet diese Worte: "Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Trost ist hier etwas ganz Sinnliches, Fassbares, wodurch sich auch etwas verändert. Jerusalem wird wieder aufgebaut. Die, die auf verlorenem Posten zu stehen schienen, an denen das Leben vorbei lief, die stehen plötzlich im Zentrum des Geschehens. Ihre Hoffnung, ihre Träume werden wahr. Alle Völker wallfahren zu diesem Jerusalem und bringen dahin ihre Schätze. Und die Spötter, die sich so überlegen und klug vorkamen, werden von Gott überwältigt und stehen dumm da. Wie ein Sturmwind geht er über sie hinweg. Auch das gehört zum Trost, so wie ihn Jesaja hier vor Augen hat. Der Gegner wird gedemütigt und besiegt und Gott triumphiert. Und seine Anhänger dürfen das miterleben. Wenn wir dieser prophetischen Vision für das neue Jahr folgen, dann heißt das, dass wir unseren Hoffnungen und Träumen und dem, was wir lieben, etwas zutrauen dürfen. Jeder von uns hat sein Jerusalem, zu dem er zurückkehrt, weil dort der Ort ist, wo er sich Gott am nächsten fühlt. Und was ist das für ein Ort?

Sind das die heilen und glücklichen Momente, wo alles in wunderbarer Ordnung ist, wo unser Leben glänzt und leuchtet, oder ist unsere Liebe nicht besonders an die Menschen gebunden, die im Leben zu kurz zu kommen drohen, Menschen, die wir verlieren, die wir nicht festhalten können, Ideale unserer Jugend, die sich nicht erfüllt haben, aber wir haben es doch ernst gemeint, oder wenn ich an uns als Gemeinde denke - unser Traum von Gemeinde, wo sich alle beteiligen und alle zusammenkommen und die Wirklichkeit, der wir uns Tag für Tag stellen müssen, mit Austritten, eigenem Versagen, der Zersplitterung und dem höhnischen Lächeln derer, die es schon immer besser wussten. Und doch können wir von unserem Traum nicht lassen. Unser Jerusalem im übertragenen Sinne, der Ort, wo uns Gott am nächsten kommt, ist doch auch das in unserem Leben, was eher an den Rand gedrückt und ausgegrenzt wird, was oft durch die Wirklichkeit, die wir erleben, widerlegt zu werden scheint. Und da - gerade da will Gott uns trösten, wie nur er es kann. Da soll etwas passieren. Da soll uns die mütterliche Seite Gottes umfangen, wo wir uns selbst ein wenig verloren vorkommen, wo etwas nicht zu seinem Recht kommt. Da erreichen uns nicht nur gute Worte, da will Gott etwas in unserem Leben verändern und das, was er anfängt in uns und mit uns vollenden.

Jerusalem wird wieder aufgebaut, der Wohlstand der Völker ergießt sich dorthin. Wir sollen darauf vertrauen, dass uns Gott da unter die Arme greift und unsere Hoffnungen zum Ziel führt, wo wir seine Nähe in unserem Leben am meisten brauchen und suchen, auch im kommenden Jahr.

                                                                                       Liebe Grüße Pfarrer Dede

   

Copyright © 2012 Werbeservice & Notensatz Steffen Fischer, www.notensatz-s-fischer.de  Stand: 05.07.2017